Was zu der Zeit außerhalb der Schule geschah (1965 - 1973)
Deutschland
Auch in Deutschland war ganz besonders das Jahr 1968 ereignisreich in vielerlei Hinsicht.
So wurden in diesem Jahr u.a. die Notstandsgesetze verabschiedet, die dem Staat das Recht gaben, aufgrund besonderer Notsituationen wie Gefahren für die freiheitliche Grundordnung, Spannungs- und Verteidigungsfälle und Naturkatastrophen Grundrechte wie Post- und Fernmeldegeheimnis, Recht auf Freizügigkeit, freie Berufswahl u.a. einzuschränken oder aufzuheben.
Gegen diese Notstandgesetze demonstrierten am 11. Mai 1968 70.000 Bürger, vornehmlich Gewerkschafter, Politiker, Professoren, Künstler, Studenten und Schüler mit einem Sternmarsch auf Bonn.

Daniel Cohn-Bendit
Es war nicht das erste und nicht das letzte Aufbegehren gegen die Staatsobrigkeit und führte zur Bildung der sogenannten Außerparlamentarischen Opposition (APO), die sich gegen das Fehlen einer starken Opposition im Bundestag, die Verknöcherung der Gesellschaft und den Antikommunismus der Bundesregierung wendete, wobei sie ihre Forderungen explizit gegen das parlamentarische System und die etablierten Parteien richtete. Die zweite Wurzel der APO lag in der Ostermarschbewegung der Atomwaffengegner. Den eigentlichen Kern jedoch bildete der SDS (Sozialistischer Studentenbund), der mit seinen Kontakten u.a. zu den Gewerkschaften am ehesten der Garant für eine politische Durchsetzung der gesteckten Ziele zu sein schien.
Die Hauptanliegen des SDS und der Studentenbewegung waren die
Offenlegung der nationalsozialistischen Vergangenheit von Prominenten und Professoren, die Wiederentdeckung des Marxismus als aktuelle Gesellschaftstheorie, die Anprangerung des imperialistischen Systems, die Verweigerung des Konsumfetischismus der Wohlstandsgesellschaft und die Forderung nach einer umfassenden Veränderung der Gesellschaft, mit der Hochschulreform (Demokratisierung der Hochschulen) als Anfang. Zur Durchsetzung ihrer Ziele wandten sie aus den USA importierte Protest- und Verweigerungstaktiken wie das Go-in, Sit-in und Teach-in an. Besonders Daniel Cohn-Bendit ist als einer der starken Führer der Studentenbewegung zu nennen. Inspiriert (?) wurde die Bewegung u.a. durch Freud, Jean
Paul Sartre, Mao Tse-Tung, Che Guevarra und Ho Tschi Minh (hier war die Bewegung ganz offensichtlich teilweise mit absoluter Blindheit geschlagen s. proletarische Kulturrevolution Maos -, Anm. der Autorin). Als Folge wurden nicht nur in einschlägigen Buchläden Poster von Mao und Che ebenso wie die sogenannte "Mao-Bibel" angeboten - man höre und staune: sogar in der Buchabteilung bei Karstadt in Wilhelmshaven hingen diese Poster groß an der Wand und stand die Mao-Bibel in den Regalen.
Es wurde jedoch auch gegen internationale Missstände protestiert. So gegen den Vietnamkrieg, nachkoloniale Auseinandersetzungen um die Herrschaftsmethoden im Iran und die Niederschlagung des Prager Frühlings.
Durch die 68er-Studenten-Revolten um deren Führer Rudi Dutschke, erfuhren die bisherigen eher gewaltfreien Protestaktionen eine starke Radikalisierung.
Die sich gegen die Autorität des Staates, den "Mief" in den deutschen Universitäten und im
weiteren Verlauf auch gegen die Meinungs-Manipulation durch Pressemedien richtenden Proteste führten u.a. dazu, dass der Springer-Konzern einen Teil seiner Zeitungen verkaufen musste.
Von Studentenseite flogen vielfach Molotowcocktails, die seitens der "Staatsgewalt" mit Wasserwerfern und Massenverhaftungen beantwortet wurden.
Mit Manifest und Pflasterstein gegen Staatsverkrustung und Konformismus sorgte die Studentenrevolte der sechziger Jahre trotzdem für grundlegende Veränderungen in dieser Republik: das Zeitalter der Reformen war eingeläutet. So wurde z.B. der Weg bereitet für die weitreichenden Schulreformen (OS, reformierte Oberstufe, Koedukation) der folgenden Jahre - ob immer zum Besseren sei allerdings dahin gestellt.

Ein weiteres Kind der Studentenrevolten und allgemeinen Zeit des Aufbegehrens speziell der jüngeren Generation war die ebenfalls in diese Zeit fallende Gründung der Rote Armee Fraktion (RAF) um Andreas Baader und Ulrike Meinhof, der im Laufe ihrer Geschichte bis 1998 34 Morde, sowie zahlreiche Banküberfälle und Sprengstoffattentate zur Last gelegt wurden. Durchaus noch nachvollziehbar war ihr Ziel zunächst die gewaltsame Bekämpfung der faschistischen Strukturen des Staates sowie imperialistischer Zielsetzungen weltweit gewesen. Im Laufe ihrer Geschichte verwischten diese Zielsetzungen sich jedoch immer mehr. Was übrig blieb, war eine reine Stadtguerilla-Terrortruppe. Dementsprechend nahm auch die Zahl der (heimlichen) Sympatisanten stetig ab.
Diese terroristischen Aktivitäten führten 1972 zum Radikalenerlass, der es fortan gestatten sollte, Beamtenanwärter auf ihre Verfassungstreue zu prüfen.

Ein weiteres schreckliches Ereignis überschattete 1972 die Olympischen Spiele in München: Die palästinensische Terrorgruppe "Schwarzer September" nahm 11 Athleten der israelischen Olympia-Mannschaft als Geiseln. Die Forderung der Terroristen bezog sich auf die Freilassung von 232 in israelischen Gefängnissen inhaftierten Palästinensern, sowie auf die Freilassung der RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof und des japanischen Terroristen Kozo Okamoto. Die israelische Regierung lehnte jegliche Verhandlungsbereitschaft ab. Bei der Geiselnahme selbst waren bereits 2 Geiseln ermordet worden, die übrigen 9 sowie ein deutscher Polizist und 5 Terroristen mussten ihr Leben bei einem unzulänglichen Befreiungsversuch der deutschen Behörden lassen.

Weniger kriminell aber nicht weniger von dem festen Willen getragen, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, kam es Anfang der 70er im Rahmen der Frauenbewegung zu massiven Protesten der Frauen, u.a. auch gegen den §218, der die Abtreibung generell und ausnahmslos unter Strafe stellte. Als eine der vehementesten Verfechterinnen der Rechte der Frauen auf Selbstbestimmung im weitesten Sinne trat dabei Alice Schwarzer in Aktion.
Wenn auch der §218 nicht abgeschafft wurde, so wurde durch die massiven Proteste doch erreicht, dass Schwangerschaftsabbrüche unter bestimmten Voraussetzungen legalisiert wurden und den Rechten der Frauen ein breiterer Raum eingeräumt wurde, obwohl wir auch heute, 35 Jahre später, immer noch ein ganzes Stück von tatsächlicher Gleichberechtigung entfernt sind (unterschiedliche Sätze bei Versicherungen, unterschiedliche Gehälter für denselben Job etc.).
Auf einem ganz anderen Gebiet sorgte Oswald Kolle für Aufregung und einen Umschwung im Denken und Handeln: er läutete mit zahlreichen Filmen die sexuelle Revolution ein: Von nun an war Sex nicht mehr länger etwas ausschließlich für das heimische Schlafzimmer Bestimmtes, möglichst noch bei gelöschtem Licht, das man wohl tat, über das man aber nicht redete, sondern es sollte hinausgetragen werden in Wort und Tat. Es ging sogar soweit, dass Seitensprünge und Gruppensex als Bereicherung des ehelichen Sexlebens propagiert wurden, etwas das jedoch keineswegs generell positiv begrüßt wurde, wenn es insgesamt auch sicher Kolles Verdienst ist, dass seitdem Sex kein Tabu-Thema mehr ist.
Mit der Einführung des Bafög 1971 sollte mehr soziale Gerechtigkeit im Bereich des Bildungswesens Einzug halten, denn es sollte auch denjenigen den Zugang zu höherer Schulbildung und Studium ermöglichen, die von Hause aus finanziell weniger gut gestellt waren. Allerdings wurde von Anfang an kritisiert, dass der als Bedarf angesetzte Betrag viel zu niedrig war.

Im erzieherischen Bereich machte sich die sogenannte antiautoritäre Erziehung breit, die den Standpunkt vertrat, Kinder in Regeln zu "zwängen" hieße sie vergewaltigen. Stattdessen wurde die freie Entfaltung der Persönlichkeit abseits jeglicher Regeln und Verbote propagiert, auch wenn es u.U. Inventar kostete, weil es sich z.B. mit den tollen neuen Filzstiften an der frisch tapezierten Wand und auf der neuen Ledercouch viel besser malen ließ als im Malbuch.

Da stand dann selbst Clementine, die ab 1968 den Deutschen erklärte, dass es einen offensichtlich gravierenden Unterschied zwischen sauber und rein gibt, und dass es nur mit Ariel nicht nur sauber sondern rein wird, auf verlorenem Posten.

Und dann wurde die Nation mit einem Geschenk überrascht, das inzwischen ein glorioses Comeback erlebt hat: 1972 startete eine Blume einen wahren Triumphzug durch deutsche Wohnungen - kaum eine Kachel, kaum ein Kühlschrank, kaum eine Badewanne auf der sie nicht klebten und die Welt fortan in bunte Farben tauchten: die Pril-Blumen. Nichts, was eine ausreichend große glatte Fläche aufwies war vor ihnen sicher: ob Gläser, Spiegel oder gar Autos: wo man hinsah, sah man Prilblumen. Pril katapultierte dieser Werbeeinfall schlagartig an die Spitze der deutschen Spülmittel, denn jeder wollte sie haben und niemand bekam offensichtlich genug von ihnen. Was anfangs lustig war, wuchs sich im Laufe der Zeit allerdings zum Ärgernis aus, denn da die Dinger aus einer Papierschicht bestanden, bekam
ihnen der Kontakt mit ihrem eigenen Produkt herzlich schlecht und schon nach einigem Drüberwischen fing die ganze Pracht an, sich aufzulösen. Hätte rei rechtzeitig geschaltet, hätten sie auf den abfahrenden Zug aufspringen können, denn rei hält Farben ja bekanntlich länger frisch und schont das Gewebe. So jedoch sah, was voreinst lustig bunt war, nach kurzer Zeit nur noch schäbbich aus. Was das Papier nicht hielt, hielt die Klebeschicht der Dinger dafür um so mehr: ich möchte nicht wissen, in wie vielen Haushalten letztendlich die Küchen- und Badezimmerkacheln ausgetauscht wurden, nur um die ärgerlichen Überreste der einstmals so bunten Blütenpracht endlich doch noch los zu werden. (Wer immer noch nicht genug von ihnen hat: hier gibt's was zum Downloaden. Und wer noch mehr zur 70er-Werbung erfahren möchte, sollte sich hier umsehen.)

Was allerdings auch die lustigen Prilblumen nicht verhindern konnte:
1973 wurden nicht nur die Deutschen erstmals mit dem Fakt stark steigender Rohölpreise (Ölpreis-Schock) konfrontiert, wodurch besonders in den Industrieländern eine starke Rezession ausgelöst wurde.
Der Preisanstieg war durch die OPEC-Staaten manipuliert worden, indem sie die Erdölproduktion um 5% drosselte und so künstlich ein Ungleichgewicht von Nachfrage und Angebot schaffte. Dadurch stieg der Preis pro Barrel (159 l) Rohöl 1973 von 3 Dollar zunächst auf 5 Dollar, im folgenden Jahr sogar auf 12 Dollar. In deren Gefolge zogen die Benzinpreise bis 1976 von ca. 64,9 Pfg/l auf 87,9 Pfg/l für Normalbenzin, die für Diesel von 47,9 gar auf 88,9 Pfg/l an.
Als direkte Folge dieser 1. Ölkrise fand in Deutschland am 25. November 1973 der erste autofreie Sonntag statt.
Insgesamt musste Deutschland 1974 17 Milliarden DM mehr für Erdölimporte ausgeben als im Jahr zuvor. Damit war 1973 das Ende der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders eingeläutet.
Unter dem nun offensichtlichen Damoklesschwert der Abhängigkeit von Ölimporten forcierte die BRD in den 70er Jahren daraufhin primär den Bau von Kernkraftwerken als alternativer Energiequelle.
Gleichzeitig rief diese Entscheidung aber auch 100.000e von Atomkraftgegnern auf den Plan, die in den Folgejahren massiven Widerstand gegen den Bau neuer Atomkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen sowie Atommüll-Transporte leisteten und so mit dazu beigetragen haben, dass inzwischen seitens der Politik ein langsamer Ausstieg aus der Atomernergie beschlossen wurde.


* mit Schlüsselworten wie Apo, RAF, Baader-Meinhoff, Terroristen, Schwarzer September u.a. dürfte ich mit dieser Seite wohl einige Ringfahnder auf den Plan gerufen haben. Also meine (Damen (?) und) Herren: Herzlich willkommen und einen schönen Tag noch.